Hat es nicht immer wieder Zeiten von Krieg und Not gegeben? Umbrüche, große Erschütterungen, gewaltsame Veränderungen? Und gab es damals nicht gegen Ende des Krieges, mitten in seinem Schrecken, nicht die Erfahrung, von der die Generation meiner Eltern und Großeltern uns erzählten: die Hoffnung auf eine Zeit nach dem Krieg, wo es wieder aufwärts geht?

 

An all das muss ich denken, wenn ich das heutige Evangelium lese. Es überrascht ja, dass der Advent mit so ernsten Worten beginnt. Jesus spricht von Zeiten großer Erschütterung. Kosmische Katastrophen, gewaltige Umbrüche: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen.“ „Die Völker werden bestürzt und ratlos sein.“ Doch nun das Überraschende. Jesus verbreitet keine Panik. Er schürt nicht die Ängste, wie das gerne in unruhigen Zeiten getan wird. Ganz im Gegenteil. Er ruft zur Hoffnung auf: „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ Jesus macht Mut. Mitten in der Not kündigt sich das Heil an. Der Dichter Friedrich Hölderlin sagte in dem berührenden Vers seiner Hymne „Patmos“: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

 

Der Advent ist die Zeit der Hoffnung. In den Adventsliedern kommt beides zum Ausdruck: die Not und Finsternis unserer Welt mit ihren Kriegen und Konflikten, Ängsten und Sorgen, und die Sehnsucht nach dem erhofften Frieden, dem erbetenen Heil. Die Hoffnung richtet auf, sie gibt neuen Lebensmut und frische Kraft.

Jesus zeigt aber auch, was wir von uns aus tun können, den Mut nicht zu verlieren, die Hoffnung zu stärken: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“ Ein klarer Kopf, der sich nicht gleich von den Problemen durcheinander bringen lässt. Und „Wachet und betet allezeit.“ Nüchtern bleiben und beten! Das vor allem empfiehlt Jesus. Hinter dieser Haltung steht eine unerschütterliche Gewissheit: Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte. Er verlässt uns nicht. Er kommt zu uns, ist bei uns. Das ist der Sinn von Weihnachten. Darauf will der Advent vorbereiten: Er ist die Zeit der Hoffnung!

 

Kardinal Schönborn