Die Kirche bietet an Allerheiligen diesen Blick auf Jesus an, indem sie uns in tausenden Lebensmodellen vorstellt, wie diese Menschen ihre Nachfolge gesehen haben. Zur Nachahmung empfohlen als Kopie? Einfach schrecklich, eher abstoßend für gar nicht wenige. Sind Heilige wirklich Vorbilder? In sehr vielen Kirchen gibt es Heiligendarstellungen in Statuen, in Bildern: Heilige, die sich am glühenden Rost winden, Heilige, die einen Kardinalshut tragen, Heilige, die mit einem Stein im Fluss versenkt werden und ertrinken, Heilige, die keusch leben, keine Kinder haben oder Heilige, die ihre Familie verlassen. Verheiratete sind eher in der Minderzahl.

Nach all diesen Feststellungen wirkt dieser mehr als 1000 Jahre alte Gedenktag eher überflüssig. Ja in manchen Gesprächen merke ich, dass mir Menschen sagen, die Kirche drücke ein Gottesbild des Jammers und der Leidensverliebtheit aus. Jene, die sich in der Kirchengeschichte besser auskennen, verurteilen auch den teilweise missbräuchlichen Reliquienkult und die Verwechslung von Magie und Frömmigkeit.

 

Worin besteht nun der Sinn dieses Festes? Wir können immerhin feststellen, dass Menschen in ihrer Zeit auf ihre Weise versucht haben, glaubwürdig in der Nachfolge Jesu zu leben. Dieses Fest lädt zum Nachdenken ein, ob wir das auch in unserer Zeit, mit unseren Möglichkeiten und Talenten genügend tun. Die Heiligen zeigen Werte an, auch wenn Manches in ihrer Biographie beschönigt wird oder übertrieben scheint und der Efeu der Legendenbildung die eigentliche Persönlichkeit überwuchert. Dennoch macht dieses Fest klar: Das Wirken eines Menschen ist wie ein Stein, der ins Wasser fällt und (weite) Kreise zieht. Allerheiligen ist das Erntefest des Lebens, Erntefest der Kirche: eine große Schar, die durch das Fegefeuer des Lebens gegangen ist. Alle waren sie auf dem Weg, jetzt sind sie am Ziel, in einem Land, wo es kein Leid, keine Tränen und keinen Tod mehr gibt. Diese Heiligen stellen eine bunte Schar von Menschen dar mit persönlichen Lebensgeschichten, mit liebenden Herzen, die Gott und die Mitmenschen suchen. Tatsächlich gibt es Heilige, die unserer Vorstellung sehr nahe kommen, die sogar Aktualitätsbezug zum Heut aufweisen: der heilige Franz von Assisi, an dem sich der jetzige Papst nicht nur durch seine Namensgebung ein besonderes Beispiel nimmt, heilige der Nächstenliebe wie Nikolaus und Elisabeth von Thüringen, Heilige, die viel Mut aufgebracht haben, den Mund aufzumachen, wo Kirche nicht evangeliumstreu gelebt hat: Katharina von Siena, Theresia von Avila. Die beiden haben ihre prophetische Dimension wahrgemacht und Klartext gesprochen, wo das Evangelium verraten wurde mit allen Konsequenzen, die sie dafür zu tragen hatten.

 

Allerheiligen, ein Fest der Unzerstörbarkeit der Liebe, ein Fest des Jenseits im Diesseits, ein Fest, das Grenzen sprengt bis sich der Himmel öffnet. Ich glaube auch, dass es heute unter den Lebenden auch schon eine Menge von Heiligen gibt: eine Mutter, die es mit ihren Kindern jahrelang neben ihrem besoffenen Ehemann aushält, Menschen, die für ihre Ideale beispielsweise des Umweltschutzes Konsequenzen auf sich nehmen, mit Morddrohungen leben müssen, wenn sie sich für die gute Sache einsetzen. Sie werden wahrscheinlich alle nicht so leicht zur Ehre der Altäre erhoben. Das Fest erinnert uns daran, dass der Herr uns alle in seine Wirklichkeit aufnimmt, die ganz von seiner Liebe erfüllt ist.

 

Max Angermann