Der Hl. Augustinus sagte einmal: "Ich sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf den Grund kommen." So geht es uns immer irgendwie am Karfreitag oder wenn wir dem Leid eines Menschen gegenüberstehen. Dazu kommt noch, was Kierkegaard formulierte: "Die Leute sind stets bereit, einem das Kreuz tragen zu helfen, wenn es das Kreuz ist, an dem man selbst aufgehängt werden soll." Hier wird jener gesellschaftliche Boden angesprochen, von dem viele Passionslieder erzählen: all meine Sünden haben dich geschlagen. Wir wollen in die Tiefe schauen, uns selbst dabei nicht herausnehmen und im Todesweg Jesu unser eigenes Leben sehen. Die Passion stellt uns vor die Abgründe und Höhen unseres Lebens.

 

Da steht der Mensch mit Dornenkrone und Purpurmantel. Soldaten schlagen ihn, lassen ihn raten, wer geschlagen hat. Spotten: heil dir, König der Juden. Ausgerechnet Pilatus, der ja Jesus in seinem Machtdenken als Konkurrenzkönig fürchtet, stellt diesen Jesus dann dar mit den Worten: "Seht den Menschen" oder wörtlich übersetzt: "Schaut euch dieses Gesicht an." Wir müssen heute sagen, wie auf dem Hungertuch: Schaut ins Gesicht der Menschen, was das Leben mit ihnen getan hat.

 

Dies alles geschah am 6. Tag, dem Tag vor dem Sabbat. Johannes beginnt sein Evangelium mit einem Schöpfungsbericht: "Im Anfang war das Wort ...". Jetzt stehen wir wieder an dem Tag, an dem der Mensch geschaffen wurde, dem 6. Tag. Seht in dieses Gesicht, das ist der Mensch, den Gott nach seinem Ebenbild geformt hat, dieser zerschlagene Körper, dieses Gesicht mit Dornen gekrönt. Seht, da ist der von Gott geschaffene Mensch. Schon damals, jenseits des Paradieses, musste Gott den Adam fragen:"Mensch, wo bist du," und später als das Morden und Foltern unter Kain begann: "Mensch, wo ist dein Bruder Abel?" Und Gott wurde zum Suchenden nach seinem Menschen, - er fand ihn kaum mehr unter den gesalbten Pilatusgesichtern, geschminkten Politikergesichtern, kosmetisch hergerichtet für den Auftritt der Macht. Er fand ihn nicht mehr unter den vom Konsum aufgeschwemmten Gesichtern. Er fand den Menschen im Gesicht der Opfer, des Opfers, im Opfer Jesus von Nazareth. Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, denn von diesem Gesicht wird kein Fluch auf das Leben ausgehen.

 

Das Johannesevangelium sieht in das Gesicht des Opfers, nicht in das Gesicht dessen, der sich die Hände in Unschuld wäscht. Seht, der Mensch, der Hier-Bin-Ich. Die Suche Gottes findet eine Antwort. Er selber gab sich im brennenden Dornbusch als der zu erkennen, der Ich-Bin-Da. Nun erhält er selber die Antwort: Seht den Menschen, Hier-Bin-Ich. Wenn wir die Leidensgeschichte hören, dann in dem Wissen, dass in den Millionen leidenden Menschen, die wir sehen, Gott die Menschen findet und dass er selbst auf der Suche nach dem Menschlichen im Menschen ist, die ihre Hände nicht in Unschuld waschen.