Mariä Heimsuchung

 

Noch erging sie's leicht im Anbeginne,

doch im Steigen manchmal ward sie schon

ihres wunderbaren Leibes inne, -

und dann stand sie, atmend, auf den hohn

 

Judenbergen. Aber nicht das Land,

ihre Fülle war um sie gebreitet;

gehend fühlte sie: man überschreitet

nie die Größe, die sie jetzt empfand.

 

Und es drängte sie, die Hand zu legen

auf den andern Leib, der weiter war.

Und die Frauen schwankten sich entgegen

und berührten sich Gewand und Haar.

 

Jede, voll von ihrem Heiligtume,

schützte sich mit der Gevatterin.

Ach der Heiland in ihr war noch Blume,

doch den Täufer in dem Schoß der Muhme

riss die Freude schon zum Hüpfen hin.

 

Rainer Maria Rilke

 

Der 2. Juli erinnert an den Besuch Marias bei ihrer Cousine Elisabeth, der Mutter des Johannes. Diese Episode, die ausschließlich vom Evangelisten Lukas (Lk 1,39–40 EU) im Anschluss an die Verkündigungsszene erzählt wird, lautet: Die schwangere Maria macht sich auf den Weg, um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen (daher „Heimsuchung“) und die Freude mit ihr zu teilen. Elisabeth, selbst im sechsten Monat mit Johannes dem Täufer schwanger, grüßt sie mit den Worten:

„Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“

Maria antwortet mit ihrem berühmten Loblied, dem Magnificat (Lk 1,46–55 EU). Der Gruß Elisabeths fand auch Eingang in den Wortlaut des Ave Maria und mittelbar in andere Gebete wie den Angelus oder den Rosenkranz.